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Das Finale der WM 2010 liegt inzwischen einige Tage zurück, die Mannschaften im Sommerurlaub, die Fans sind abgereist und auch das deutsche Fanbetreuungsteam ist wieder zu Hause eingetroffen. Zeit für einen Rückblick auf vier Wochen Südafrika und ein ambitioniertes Fanbetreuungskonzept sowie ein paar kritische Worte.

Die Zeit vor der ersten Weltmeisterschaft auf afrikanischem Boden war von großer Skepsis auf allen Ebenen geprägt, insbesondere was die Themen Sicherheit der WM-Besucher und Fragen der Organisation (Unterkünfte, Transport usw.) betraf. Kann Südafrika, kann Afrika insgesamt eine Veranstaltung dieser Größenordnung überhaupt nach westlichen Maßstäben durchführen – das war die mehr oder minder explizit ausgesprochene Frage. So ist nicht überraschend, dass die südafrikanische Öffentlichkeit von der Vielzahl der kritischen Medienberichte und anderen vorurteilsbehafteten Aussagen irritiert war.

 

 

 

 

 

 


Nach dem Titelgewinn der spanischen Fußballnationalmannschaft und der Abreise der allermeisten Fans kann konstatiert werden, dass keine der Befürchtungen eingetreten ist. Die WM 2010 ist sicher, farbenfroh und äußerst gastfreundlich verlaufen. Vermutlich wird der nachhaltigste Effekt für das Land Südafrika sein, bewiesen zu haben, eine Veranstaltung dieser Größenordnung durchführen zu können und damit den Blick vieler Menschen auf Afrika verändert zu haben. Diese Einschätzung der Fanbetreuung wird auch durch den Einsatzleiter der deutschen Polizei in Südafrika: Hendrik Große Lefert von der Zentralen Informationsstelle Sporteinsätze, ZIS, geteilt: „Mit Blick auf die Befürchtungen, die vor der WM zum Teil nicht ganz unbegründet die Runde gemacht haben, muss man nun auch einmal sagen: Hut ab!“

 

Fanbetreuungskonzept erfolgreich

Auch für die vom Deutschen Fußball-Bund finanzierte und von der Koordinationsstelle Fanprojekte durchgeführte Fanbetreuungsmaßnahme lässt sich ein positives Fazit ziehen. Diese setzte sich zusammen aus der Webseite www.fanguide-wm2010.de, die schon im Dezember 2009 online ging und seither ständig aktualisiert wurde (während des Turniers täglich), der mobilen Fanbotschaft, die gemeinsam mit der Deutschen Botschaft in Pretoria umgesetzt wurde, der Telefonhelpline, die während des Turniers für Problemfälle 24 Stunden erreichbar war, und der zu jedem deutschen Spiel produzierten Fanzeitung Helmut, die in einer Auflage von jeweils 1500 Exemplaren kostenlos an die Fans in Südafrika verteilt wurde.

Wie schon bei vorhergehenden großen Turnieren beruhte das Konzept darauf, den Fans rechtzeitig im Vorfeld über die Webseite möglichst viele authentische Informationen zu den Aufenthaltsbedingungen in Südafrika sowie Infos rund um Land und Turnier zu liefern, um ihnen so eine realistische Planungsgrundlage zu geben und auch die Daheimbleibenden mit interessanten und unterhaltsamen Informationen zu versorgen. Ergänzt wurde dieser Service von den konkreten Service- und Unterstützungsangeboten in den Spielstädten vor Ort durch die mobile Fanbotschaft und die Helpline. Das Fanzine Helmut berichtete zudem aus fankultureller Perspektive – insgesamt ein Konzept, das unserer Einschätzung nach voll aufgegangen ist.

 

Hochrangiger Besuch an der Fanbotschaft



An der mobilen Fanbotschaft, die den deutschen Fans an allen Spielorten zur Verfügung stand, fielen im Vergleich zu vorherigen Turnieren nur wenige gravierende Problemfälle an. Diesen kam dann die enge Kooperation mit der deutschen Botschaft in Pretoria zugute, so beispielsweise einem Diebstahlsopfer, dem direkt am Strand von Durban Ersatzdokumente ausgestellt werden konnten. Ansonsten waren hauptsächlich Informationen rund um das Thema Eintrittskarten, zu Unterkünften und Transport im Land sowie zu den Bedingungen im Stadion (Toleriert der Ordnungsdienst, dass gestanden wird? Wie groß dürfen die Banner sein? usw.) an der Fanbotschaft gefragt.

Bemerkenswerte Wertschätzung aus der Politik erfuhr die mobile Fanbotschaft durch die Besuche des deutschen Innenministers Thomas de Maizière beim Achtelfinalspiel gegen England in Bloemfontein und des neuen Bundespräsidenten Christian Wulff, der uns zum Spiel um den dritten Platz gegen Uruguay in Port Elizabeth besuchte und selbstverständlich ebenfalls den aktuellen Helmut überreicht bekam.

 

Doppelpass zwischen Website und Fanzine

Die Bedeutung der Website www.fanguide-wm2010.de für die reisenden Fans ist sicher für die Zeit vor der WM, wenn die Reisen und der Aufenthalt geplant werden, etwas höher, aber auch als begleitendes Informationstool während der WM nicht gering einzuschätzen. Unser Eindruck war, dass sich die Website in das Gedächtnis der WM-Fahrer eingeprägt hatte und dann während der WM gezielt genutzt wurde, z. B. um sich über die extrem umständliche und komplizierte Parkplatzsituation rund um die beiden Stadion in Johannesburg zu informieren.

An diesem Punkt ergänzten sich Website und Fanzine optimal. Vieles, was im Helmut nur angerissen werden konnte, fand seine detaillierte Ergänzung im Netz. Das Fanzine Helmut, das schließlich siebenmal zu jedem Spiel der deutschen Elf vor Ort hergestellt und verteilt wurde, war sicher das für die Fans vor Ort das greifbarste Produkt der Fanbetreuung. So anstrengend und belastend die Produktion auch war, die zu 100 % positiven Rückmeldungen der Fans nicht nur aus Deutschland haben das siebenköpfige KOS-Team vor Ort für manche kurze Nacht entschädigt.

Beides, Webseite und Helmut 1 bis 7, wären aber ohne das KOS „Back-Office“ in Frankfurt mit Volker Goll und Tobias Döpgen sowie unserer Redakteurin Nicole Selmer in Hamburg nicht umzusetzen gewesen – ein Beispiel für funktionierende Zusammenarbeit über Kontinente hinweg, die trotz manchen Stromausfalls nur dank moderner Kommunikationstechnologie möglich war.

 

Überwältigende Gastfreundschaft

 

 

 

 

 

 

 

Die zentrale Rückmeldung der vielen tausend Fans, die zur Fußballweltmeisterschaft 2010 in Südafrika aus Deutschland angereist waren und mit denen wir Kontakt hatten, lautet: Die Weltmeisterschaft war gut organisiert, sie war sicher und – so die wohl häufigste Aussage – die Menschen in Südafrika zeichnet eine unglaubliche Gastfreundschaft aus, die die Fans aus aller Welt sehr genossen haben. Wir schätzen, dass in der Vorrunde und beim Achtelfinale jeweils zwischen 2.000 und 3.000 Fans aus Deutschland anwesend waren, die in den Spielorten durch in Südafrika lebende Deutsche unterstützt wurden. Hinzu kamen im weiteren Verlauf immer mehr (nicht nur deutschstämmige) Südafrikaner, die sich Deutschland als Lieblingsteam ausgesucht hatten.

Viele der Angereisten schilderten ihre durch die Berichterstattung im Vorfeld beeinflusste eigene anfängliche Skepsis und Vorsicht, die aber im Laufe der Zeit einem größer werdenden Sicherheitsgefühl wich, wodurch schließlich vielfältige persönliche Erfahrungen und Begegnungen möglich wurden. Aber auch für die in Südafrika lebenden Menschen hatte die WM positive Effekte, so konnten z. B. Stadtteile, die man aus Furcht vor Überfällen lange Zeit gemieden hatte, wieder betreten werden. Die Hoffnung, dass dieser Zustand die WM überdauern wird, speist sich vor allem aus dem Gemeinschaftsgefühl zwischen allen Südafrikanern, das die WM wenigstens für diese vier Wochen gestiftet hat. Alle, ob schwarz oder weiß waren stolz, Gastgeber der Weltmeisterschaft sein zu können.

 

Für die KOS und die Fanprojektler bleiben nach Abschluss der WM als zentrale Punkte festzuhalten:

1.) Eine Fanbetreuungsmaßnahme, die die Menschen vor Ort direkt, niedrigschwellig und authentisch erreicht, auch wenn im Vergleich zu anderen Turnieren nicht so viele deutsche Anhänger anreisen, ist von hoher Bedeutung für die Aufenthalts- und Handlungssicherheit der Fans. In Südafrika war dies von noch größerer Bedeutung aufgrund des großen kulturellen Unterschieds zu Europa.

Darüber hinaus wird den angereisten Fans so eine spürbare Wertschätzung entgegengebracht, die sich in der Fanszene rund um die Nationalmannschaft sicher noch potenzieren wird, da in Südafrika der harte Kern anwesend war.
2.) Wohl am konkretesten hat die Fanzeitung Helmut zur positiven Wahrnehmung der Fanbetreuungsmaßnahme beigetragen, das einzige Medium, das sich ausschließlich den Bedürfnissen nach Information, aber auch Unterhaltung von Fans widmete. Im Helmut fanden neben fangerechten Informationen zu den Spielorten und den Stadien auch persönliche Erlebnisse von angereisten Fußballfans ihren Platz. So waren wir ganz nah dran an der Perspektive der Fans, konnten aber auch auf aktuelle Ereignisse vor Ort direkt eingehen. Nach ersten Versuchen u. a. mit dem Fanzine AlleZmagne zur WM 1998 in Frankreich wird der Helmut nach den Erfahrungen aus Südafrika nun vielleicht ein fester Bestandteil der KOS-Fanbetreuung bei großen Turnieren werden.
3.) Die Zusammenarbeit mit der Deutschen Botschaft hat sich außerordentlich bewährt. An dieser Stelle sei nochmals ausdrücklich Dr. Martin Schäfer, Christian Scheibe und Steffen Scholz gedankt, ohne deren Verständnis für die besondere Aufgaben einer Fanbotschaft und ohne deren auch ganz persönlich herausragendes Engagement es nicht möglich gewesen wäre, an allen Spielorten anwesend zu sein. Insgesamt legten die drei Wagen mehr als 8.000 km zwischen den Spielorten zurück. Da bei einer medial so hochbesetzten Veranstaltung quasi jeder Fan aus Deutschland in gewisser Weise als Botschafter seines Landes wirkt, ist ein Engagement des Auswärtigen Amtes aus Perspektive der KOS auch angezeigt.
4.) Die Sicherheitsbedenken in Hinblick auf Fanausschreitungen haben sich – wie schon bei allen Turnieren seit der Europameisterschaft 2000 – als unbegründet erwiesen. Wieder einmal hat sich gezeigt: Wird den Fans mit Wertschätzung, Wohlwollen und Gastfreundschaft begegnet, so wird dies erwidert und ist damit der beste Garant für eine angenehme und sichere Turnieratmosphäre für alle.

Irritiert hat uns allerdings, dass der – trotz der sportlichen Dramatik – absolut friedliche Verlauf des Achtelfinalspiels zwischen den beiden vormaligen „Hooligannationen“ England und Deutschland in Bloemfontein in der Öffentlichkeit und den Medien kaum Resonanz erfuhr. Dass in diesen beiden Fanszenen eine große Entspannung mit- und untereinander eingekehrt ist, ist aus unserer Perspektive auch der Tatsache zu verdanken, dass genau diese beiden Länder die größte Erfahrung in der sozialpräventiven Fanbetreuung aufweisen und auch die einzigen waren, die in Südafrika Fanbotschaften und Fanzine für „ihre“ Anhänger anboten.

5.) Der Fußballsport verdankt seine weltweite Attraktivität auch der Tatsache, dass er einfach zu verstehen ist und von praktischem jedem und jeder ohne große Ausstattung gespielt werden kann. Die Popularität des Fußball ist die Basis für seine Nutzung im Sinne einer kulturellen und sozialen Integration – und nicht zuletzt für seine immense wirtschaftliche Bedeutung. Vor diesem Hintergrund sind einige kritische Anmerkungen zu den von der FIFA vorgegebenen Rahmenbedingungen des Turniers in Südafrika zu machen:

Die Eintrittspreise, insbesondere für die Spiele nach der Gruppenphase, sind eindeutig zu hoch. Sie wirken im Endeffekt für einen Großteil der Menschen weltweit ausgrenzend.

Auch das Ticketingsystem, das unter anderem den weltweiten Verkauf von Eintrittskarten vorsieht, bevor das Teilnehmerfeld überhaupt feststeht, ist ungeeignet, jene mit Eintrittskarten zu versorgen, die wegen des Fußballs und der Unterstützung ihrer Mannschaft kommen wollen. Wie bei allen Turnieren seit 1998 waren es hauptsächlich Tickets von Sponsoren und nichtteilnehmenden Fußballverbänden, die auf dem Schwarzmarkt auftauchten. Hinzu kamen diesmal aber auch viele einzelne Karten von Privatpersonen, was daran lag, dass in der langen Zeitspanne zwischen Ticketerwerb und Turnier persönliche Umstände eine Reise nach Südafrika unmöglich machten. Dass es die Verkaufsbedingungen der FIFA dann nicht einmal erlauben, die Tickets ohne ein schriftlich vorher eingeholtes Einverständnis des Fußballweltverbandes zu verschenken, ist äußerst kundenunfreundlich und trägt zu einer großen Verunsicherung der Zuschauer bei.

Damit der Fußball seine große verbindende und positive Kraft erhält, hoffen wir, dass hier vonseiten des Fußballweltverbandes ein Umdenken einsetzt.