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Drei Monate liegt das Finale der WM in Südafrika jetzt zurück. Ein guter Zeitpunkt, um zurückzublicken und zu fragen, was aus der WM-Euphorie, den spektakulären Stadionbauten und der positiven Vorstellung des Gastgeberlandes geworden ist. Steffen Scholz, in Südafrika lebender Journalist, stellt für uns fest: Der Stolz auf die WM ist noch da, die soziale Spaltungen und die Unzufriedenheit mit der Regierung jedoch sind wieder sichtbar und kritische Fragen werden laut.

 

Noch immer kann man die Flaggen der Teilnehmer der ersten afrikanischen Fußball-WM an den Laternen der Hauptstraßen Südafrikas sehen. Auch in den entlegensten Winkeln des Landes spürt man den Stolz und neues Selbstbewusstsein, gezogen aus einer erfolgreich durchgeführten WM, trotz aller Befürchtungen aus Europa vorab. Trotzdem ist in Südafrika, knapp drei Monate nach dem Finale, wieder Normalität eingekehrt. Geblieben sind eine beeindruckende Sportinfrastruktur und eine Nation, die mit berechtigter Genugtuung auf eine erfolgreiche, gastfreundliche und farbenfrohe WM zurückblickt.

Vergleichbar mit Deutschland 2006, hat die, bis auf wenige Ausnahmen, fehlerfreie Durchführung eines der größten Sportereignisse der Welt, Südafrika viele Sympathien verschafft. Viele Vorurteile wurden widerlegt und sind einem positiveren, realistischeren Bild gewichen. Trotz der momentanen Nebensaison verzeichnen südafrikanische Reiseunternehmen höhere Anfragen als gewohnt.

Ob die WM allerdings dazu geführt hat, dass schwarze und weiße Südafrikaner stärker zusammenrücken, wird sich erst in Zukunft zeigen können. Für einen Großteil der rugbybegeisterten Weißen war die WM der erste Berührungspunkt mit Fußball, dem „schwarzen“ Sport Südafrikas. Bei Ligaspielen der PSL, der Premier Soccer League, bleiben weiße Südafrikaner die exotische Ausnahme.

Als das Rugbyteam Blue Bulls aus Pretoria kurz vor der WM die Finalspiele des Super-14-Turniers in Soweto austrug, da das eigene Stadion schon an die FIFA übergeben wurde, war es für viele weiße Südafrikaner der erste Besuch im berühmten Township. Die Bilder von gemeinsam feiernden Südafrikanern beider Hautfarben waren bewegend. Vergleichbares konnte man auch während der WM erleben.

Ob aber eine WM die massiven sozialen Probleme im Alltag lösen kann, bleibt zu bezweifeln. Vorurteile sitzen tief und viele Wunden sind noch nicht geheilt. Es wäre unfair, den Erfolg eines Turniers daran zu messen. Aber gerade dieser Punkt zeigt eine der am schwersten realisierbaren Erwartungen, die durch Versprechungen der FIFA und der südafrikanischen Regierung geschürt wurden. Es wurde versprochen, dass die WM langfristige Arbeitsplätze schafft, das Leben der armen Bevölkerungsschichten verbessert, die Regenbogen-Nation weiter zusammenbringt und auch den südafrikanischen Fußball verbessert.

Bis heute gibt die südafrikanische Regierung keine offiziellen Zahlen zu den Gesamtkosten der WM heraus, Experten schätzen, von angesetzten 1 bis 2 Milliarden Euro seien die Kosten auf über 4 Milliarden Euro gestiegen. Die von der FIFA versprochenen Gewinne werden durch die erhöhten Kosten nicht realisierbar sein und Südafrika wird auf den Rechnungen sitzen bleiben.

Verbesserung, aber für wen?

Vereinzelt werden die Stimmen in Südafrika laut, die kritisieren, dass die unter Armut leidende Bevölkerung nichts von der WM gehabt hat. Ein Bekannter aus Mamelodi, einem Township in der Hauptstadt Pretoria, meinte: „Was hilft mir eine verbesserte Autobahn oder der Schnellzug Gautrain, wenn ich mir weder ein Auto noch ein Ticket leisten kann!“

Während der Stolz, es den zahlreichen Kritikern gezeigt zu haben, groß ist, wächst aber auch die Unzufriedenheit der Bevölkerung mit der Regierung. Zweifelsohne bleiben in Südafrika angestoßene Projekte wie der öffentliche Personennahverkehr, der Gautrain und ein deutlich verbessertes Straßennetz als sogenanntes Vermächtnis, aber der Unmut über die gebrochenen Versprechungen ist ebenfalls da. Die kurzfristig zusätzlich geschaffenen Arbeitsplätze in der Baubranche sind inzwischen wieder verlorengegangen. Nachhaltige Jobs wurden kaum geschaffen.

Schon während der WM kam es zu Streiks des Sicherheitspersonals der Stadion aufgrund zu geringer Gehälter. In einigen Stadien übernahm daraufhin die Polizei die Ordneraufgaben. Ein über vierwöchiger Streik der öffentlichen Bediensteten im August legte Südafrika lahm. In wilden Szenen nötigten Streikteilnehmer arbeitende Kollegen die Arbeit niederzulegen. In Krankenhäusern starben Menschen, da auch das Pflegepersonal streikte, das Militär musste als Ersatz die Krankenhäuser bemannen. Die Schüler des Landes hatten für vier Wochen keine Lehrer, kurz vor den Abschlussprüfungen zum sogenannten Matric. Der Streik zeigt deutlich, dass die durch WM-Vorbereitung und -Vorfreude unterdrückte Unzufriedenheit nun wieder zum Vorschein kommt.

Sportliches

Aber auch im Bereich des professionellen Fußballs wurden übersteigerte Erwartungen nicht erfüllt. Die Vereine der lokalen Liga PSL hofften auf Millionenangebote europäischer Klubs für südafrikanischen Nationalspieler. Mamelodi Sundowns wurden aus Russland rund 1,5 Millionen Euro für Stürmer Katlego Mphela geboten, aber der Verein weigerte sich, seinen Star unter Wert zu verkaufen.

Die WM-Stadien werden momentan von Fußballvereinen selten genutzt. Abgesehen von den Derbys zwischen den größten Vereinen des Landes (Kaizer Chiefs, Orlando Pirates, Mamelodi Sundowns) lohnt es sich nicht, in die teuren Stadien zu ziehen. Die Ticketpreise für die südafrikanische Liga PSL haben sich von 2 Euro auf rund 4 Euro verdoppelt.

Allerdings gibt es Bestrebungen, südafrikanische Rugbyvereine in die Stadien umziehen zu lassen. Die Stadien in Durban (Sharks), Kapstadt (Western Province/Stormers), Johannesburg (Lions) und Port Elizabeth (Southern Kings) werden wohl bald für Ligaspiele verwendet. Zusätzlich wird es in Durban bald Cricketspiele im Moses-Mabhida-Stadion geben und die Stadt wird sich für die Austragung der Olympischen Spiele 2020 bewerben. Das Rugby Nationalteam, die Springboks, haben ihr erstes Spiel vor ausverkauftem Haus in der Soccer City gegen die langjährigen Rivalen, die „All Blacks“ aus Neuseeland, gespielt. Dass die Stadien in den großen Städten zu „weißen Elefanten“ werden, befürchte ich nicht, in kleineren Orten wie Polokwane oder Nelspruit wird dies schon schwieriger.

Südafrika bleibt auch nach der WM ein Land der zwei Gesichter. Ein modernes Industrieland, das weiterhin mit den Ungerechtigkeiten, die das Apartheidregime über Jahrzehnte hervorgebracht hat, kämpfen muss, um große Teile der Bevölkerung aus der Armut zu holen; Ein offenes, gastfreundliches Land, in dem weiterhin Probleme und Misstrauen zwischen den Bevölkerungsgruppen bestehen. Trotz vielschichtiger Probleme – für Besucher ist Südafrika weiterhin ein Paradies mit „Suchtgefahr“.

Weitere Berichterstattung im Rückblick auf die WM

„Verdunstete Tropfen“ von Torsten Haselbauer über die „Vorläufige Evaluation der Auswirkungen der Fifa Weltmeisterschaft auf Südafrika“ im Auftrag des Schweizerischen Arbeiterhilfswerkes (SAH) Die Studie selbst findet sich hier als pdf zum Download

„WM-Gastgeberstädte fordern Geld von der FIFA“, Streit ums Geld zwischen Fifa und Host Cities

„Das versprochene WM-Jobwunder ist ausgeblieben“, Kommentar aus dem August 2010
„Südafrika hat viele neue Freunde gewonnen“, Interview mit dem deutschen Botschafter Dieter Haller, August 2010
„Südafrika nach der WM – Licht und Schatten“, mit einem kritischen Blick insbesondere auf den ANC, August 2010
„Aparte Welten“, Rückblick auf die WM, Juli 2010

Fazit der KOS vom Juli 2010