Erinnerungsarbeit

© Nachlass Erich Gottschalk im Jüdischen Museum Westfalen in Dorsten; Repros: Dr. Andreas Eiynck, Lingen (Ems)

Heute vor 78 Jahren – in Erinnerung an die Spieler und Funktionäre des TuS Hakoah Bochum

Es ist der 26.06.1938. Finalspieltag um die Fußballmeisterschaft in Köln. Bochumer Fußballer treffen auf eine hochfavorisierte Auswahl aus Stuttgart. Das Spiel beginnt denkbar schlecht, die Stuttgarter gehen in Führung. Die Bochumer zeigen sich unbeeindruckt, drehen und gewinnen das Spiel schlussendlich mit 4:1. Eine Meisterleistung. Ein Fußballwunder für die Geschichtsbücher. Die anschließende Meisterfeier findet – wo könnte es für echte Bochumer schöner sein – auf der Castroper Straße, Hausnummer 2, statt.

Erstaunt? Unmöglich? Fans des VfL Bochum 1848 besingen doch regelmäßig das Nichtvorhandensein etwaiger Titel und Trophäen…

Um Licht ins Dunkel zu bringen: bei den erwähnten Bochumer Fußballern handelt es sich um Spieler des TuS Hakoah Bochum, einem im Jahr 1925 gegründeten jüdischen Bochumer Sportverein. Der Verein war ab 1933 gezwungen, sich auf Druck der NS-Machthaber in Schild umzubenennen und dem Schild-Verband des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten beizutreten. Der Vintus-Verband, dem der Verein bis dato angehörte, wurde aufgelöst.

Der Zustrom aktiver Spieler und ausgestoßener Funktionäre sorgte 1933 für eine Professionalisierung der Liga- und Verbandsstrukturen, dem 1935 zwischenzeitlich 52 Vereine zugehörten, und eine Steigerung des fußballerischen Potentials. Diese Entwicklungen führten den Verein Schild Bochum in seine erfolgreichste Ära. Zwischen 1934 und 1937 erreichte Schild Bochum dreimal das Endspiel um die Westdeutsche Meisterschaft. Zu dieser Zeit beeinträchtigten jedoch auch Emigrationen den Spielbetrieb massiv. Die Situation für Schild verschlechterte sich in diesen Jahren zunehmend. Dem Verein wurde der Sportplatz an der Wasserstraße gekündigt, seine Heimspiele musste dieser seit 1936 auf einer Sportanlage in Gelsenkirchen-Ückendorf austragen. Bereits seit Einführung der Nürnberger Rassegesetze im Jahr 1935 galten Juden offiziell nur noch als Bürger zweiter Klasse.

Der Boykottierung zum Trotz lief die Mannschaft von Schild Bochum in der Saison 1937/1938 zur Höchstform auf. Diese gipfelte in dem Gewinn der Deutschen Fußballmeisterschaft. Die Mannschaft um Kapitän Erich Gottschalk spielte eine nahezu makellose Saison. Im bereits erwähnten Endspiel trafen Hans Cohen und Leo Alexander. Für die seit 1933 um die Hälfte geschrumpfte jüdische Gemeinde Bochums stellte der Erfolg der Fußballer ein großes Zeichen der Hoffnung dar, das jedoch jäh durch die Pogrome im November des gleichen Jahres zunichte gemacht wurde. Die Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 beendete das Kapitel der jüdischen Fußballvereine. Die Schicksale der Spieler sowie Funktionäre der Meistermannschaft konnten ebenso wie die unzähliger anderer jüdischer Bürgerinnen und Bürger schrecklicher nicht sein. Sie wurden in alle Himmelsrichtungen vertrieben und verfolgt – zum Teil auf der Flucht oder in Konzentrationslagern ermordet, die einstige verschworene Gemeinschaft fand nie wieder zusammen.

Im Hinblick auf die besondere sportliche Leistung des Vereins TuS Hakoah Bochum, aber auch auf das Unrecht, das jüdischen Bürgerinnen und Bürgern widerfahren ist, und die Verbrechen, die gegen sie begangen wurden, möchten wir diesen Tag als Anlass nehmen, ihnen zu Gedenken und gerade in Zeiten aufkommender Fremdenfeindlichkeit in der Bundesrepublik zu mahnen:

Nie wieder Krieg und Faschismus!

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